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Zweihundertneunzehn
Quadratmeter Glück


Wenn Frauenpower ein altes Stadthaus saniert

Ein Projekttagebuch
Juli Norden


September 2019

Kart., 1. Aufl.2019,
208 S. mit vielen farb. Abb.
Buch 9783938580721; € 12,98
eBook 9783938580646; € 7,90



Das Wunderbare eines Hauses ergibt sich weniger aus dem Schutz oder der Wärme, die es uns bietet. Auch nicht aus dem Umstand das Haus selbst zu besitzen. Es ist vielmehr die Flut von Zärtlichkeit, die es nach und nach in uns freisetzt.
Die sich in der Tiefe unseres Herzens formt und sich allmählich einen Weg bahnt und endlich wie Quellwasser an die Oberfläche dringt ...
Antoine de Saint-Exupery

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Juli Norden, geschieden und auf sich allein gestellt ohne die Sicherheit tragender Familienbande, muss ihr Leben neu einrichten. Auf der Suche nach einem „Zuhause“ hat es sie an die Mosel verschlagen. Mehr zufällig entdeckt sie ein über hundert Jahre altes, sanierungsbedürftiges Stadthaus, das sofort ihr Herz höherschlagen lässt. Ihr Entschluss steht fest: „Das wird mein neues Zuhause.“

 
 

 

Mutig gewagt ist halb gewonnen. Ohne größere handwerkliche Vorkenntnisse erwirbt sie das Haus und beginnt Schritt für Schritt, mit viel Herzblut, Do-it-yourself und der „Mädchen-Methode“ ihr Traumprojekt zu realisieren.

Ein unterhaltsames Projekttagebuch, das mit Humor und Selbstironie von den persönlichen und handwerklichen Hürden und Herausforderungen erzählt, die hier zu meistern waren, und von den schlummernden Talenten mit denen sich Frau selbst überrascht.


Das Sina-Juli-Treppenprojekt

...Die Küche ist einigermaßen sauber, fungiert gut als Umkleidezimmer. Ich reiche ihr noch ein paar Handschuhe, als ich die Dose mit dem Mittel öffne. Es riecht derart stechend, dass auch ihr klar wird, dass es nicht nur Klebereste lösen kann. Also Vorsicht: Kein Hautkontakt und bloß nicht in die Augen bekommen! Mein breiter Pinsel ist für die Verteilung des Gels bestens geeignet. Flächig aufgetragen braucht es nur ein paar Minuten einziehen. Siebzehn. Ich habe sie gezählt. Siebzehn Tritt- und Setzstufen führen ins Dachgeschoss. Drei habe ich schon befreit. Bleiben sieben für jeden von uns. »Ich fange oben an, du unten. Dann kommen wir uns nicht in die Quere.«
Damals vor zehn Jahren haben wir schon einmal Treppenstufen gequält. Stundenlang brummten die Schwingschleifer, dröhnte der Staubsauger. Unermüdlich, Stufe für Stufe arbeiteten wir uns die Treppe hoch. Heute ist es leise. Kein Maschinengeräusch stört unsere Unterhaltung. Anfangs haben wir noch viel zu erzählen. Irgendwann aber rutscht jede von uns in ihre eigene, stille Welt. Bepinseln, an einer Stelle anfangen, den Klebemist abkratzen. Manches Mal lösen sich die Teppichreste super, dann wiederum sehr zäh. Pattex. Unendlich viel brauner, harter Pattex-Kleber kommt zum Vorschein. Der klebt so was von hartnäckig, dass selbst Sina ins Stöhnen gerät. »Juli, das hier ist schrecklich. Das gefällt mir so gar nicht. Will überhaupt nicht runter.« Ich tröste sie. Nicht jeder Kleberest muss heute vollständig weichen. Schließlich ist das nur die erste Runde der Treppenrenovierung, die wir heute absolvieren.

Das gesamte Holz will ich noch abschleifen. Vom alten Lack befreien und wieder atmen lassen. Viel Arbeit steckt da noch drin. Doch das Bild in meinem Kopf treibt mich an, ich sehe bereits vor mir, wie schön die Treppe sein wird. Über sauber geschliffenes, gut geöltes, natürliches Holz ins Dachgeschoss steigen. Diese Vision ist stark.

Gegenseitig motivieren wir uns, wenn eine etwas durchhängt. Tauschen uns aus über die beste Methode, den Spachtel anzusetzen, das Gel aufzutragen. Zwischendurch frische Luft tanken. Immer mehr Überreste sammeln sich per Handfeger und Schaufel in einem Eimer. Weiche, dunkelgraue Masse. Leicht aufgerollt und echt harmlos aussehend. Nach zwei Stunden haben wir acht Stufen geschafft. Drei Stunden und wir sind zweistellig. »Oh, Sina, ich kann dir gar nicht genug danken, dass du heute da bist und hilfst. Ohne dich wäre ich an dieser Kratzerei bestimmt verzweifelt.«
Nach viereinhalb Stunden ist es vollbracht. Fertig. Das Holz der Treppe ist befreit. Die dunklen Stufen setzen sich gegen die weißen Setzstufen farblich schön ab. Wir ahnen, wie gut diese alte Schreinerleistung eines nicht mehr ganz so fernen Tages wieder glänzen wird.

Der Kaffee danach? Oh, er schmeckt wunderbar. In der Sonne auf der Terrasse genießen wir ihn als herrlichen Abschluss eines erfolgreichen Tages. Mein Fazit für heute: Treue Freundinnen kann Frau nie genug haben. Und: Klebe niemals Teppich mit Pattex auf Treppenstufen. Es sei denn, du willst den Nachnutzer so richtig, richtig, ganz fies ärgern.