... an den Körper


 
 

Kostbare Grünbraunblau
Gesprenkelte Sterne

Eine Liebeserklärung an den Körper

Lili Stollowsky

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1. Aufl., 136 S., Kart.;
Printausgabe 9783938580073; € 8,90

Unser Körper ist ein aus Abermilliarden von Zellen zusammengefügtes Wunder. Er ist unser bester Freund, der uns täglich begleitet und der Einzige, der uns bis zum Tod nie verlassen wird. Warum ihm nicht Liebe und Aufmerksamkeit schenken, einfach durch Hinhören – Lauschen – Zuwenden, mit einem Liebesgebet an die Augen, den linken kleinen Zeh und die synaptischen Endknöpfchen. Lobgesang an das Geheimnis des Lebens – gesungen in Buchstaben.

 
   

Lili Stollowsky, als Hebamme mit dem Wunder des Lebens und als Krankenschwester mit dem Mysterium des Todes vertraut, führt in ihrem poetischen Anatomiebuch liebevoll erzählt durch die phantastische Funktionalität unseres Körpers, die uns oft so selbstverständlich geworden ist, und vermittelt dabei humorvoll ein medizinisches Verständnis vom komplexen Zusammenspiel der körpereigenen Systeme.

... Im Frühling springen die Hormone kreuz und quer. Der Hypothalamus kann sie kaum mehr bändigen. Seine Autorität als Koordinator aller Hormone gerät ins Wanken. Er informiert die Hypophyse, sein erbsenähnliches Anhängsel, und bittet sie um strengere Kontrollen.

Die Hypophyse wackelt an ihrem kurzen Stiel hin und her und kann mit ihrem Fliegengewicht von etwa einem halben Gramm leider nichts daran ändern. Ein paar Regenschauer werden den hormonellen Aufstand schon wieder abkühlen. ...

Welch ein Wunder
Mehr als eine Million
unsichtbare fleißige Arbeiter
pressen dem Blut
im Inneren meines Leibes
die schädlichen Gifte ab
All die
geknäuelten Gefäße
filternden Poren
Schleifen
Kapseln
Kanäle
Kelche
Pyramiden
Sammelrohre
Strahlen
Säulen
Becken
und
Nierenkörperchen
sorgen
mit Rinde und Mark dafür
dass ich leben kann
Welch ein Wunder

Manche Menschen haben eine Wanderniere. Diese Niere ist kein besonders abenteuerlich veranlagtes Modell, das sich aus seiner Befestigung löst und auf Reisen durch den Körper geht. Eine Wanderniere sitzt bloß tiefer im Lendenbereich als üblich.

Die Niere ist paarig angelegt. Das bedeutet, sie ist immer zwei Nieren, eine rechts und eine links vor der Wirbelsäule. Manche Menschen haben von Geburt an oder durch eine Erkrankung nur eine Niere. Sie können sehr gut damit leben. Andere haben schief sitzende oder doppelt angelegte Nieren. Sozusagen ein Paar zur Reserve. Sie können auch gut damit leben. Ohne Nieren kann man allerdings nicht leben. Eine künstliche Niere muss die Arbeit der zwei kleinen wie Bohnen geformten Organe übernehmen.

150 Gramm wiegt eine Niere. Pro Tag werden etwa 2.000 Liter Blut durch die beiden Wunderbohnen geschleust. Das Blut fließt aus einem Zweig der Aorta in das Innere der Niere. Dort pressen zwei Schichten von Gewebe, die Rinde und das Mark, der Blutflüssigkeit nicht nur Wasser, sondern auch Giftstoffe und die Stoffwechsel-Endprodukte ab. Über Kapillargefäße wird das Blut bis in die Feinstruktur der Niere zu den Nephronen gedrückt. Diese Nephronen, die Nierenkörperchen, sind Zellverbände, die sich auf die Produktion von Harn spezialisiert haben.

Mehr als eine Million dieser hochkomplizierten Gebilde liegen in den Nieren. Das Blut wird durch wasserdurchlässige Wände geschoben und durch mikroskopisch kleine Gefäßknäuel gefiltert, bis etwa 150 Liter Primärharn gebildet sind. Blutkörperchen und große Eiweißmoleküle werden in winzigen Filterstationen aufgehalten und über die Nierenvenen zurück in den Körper gebracht. Die mehrfach gewundenen Harnkanälchen entziehen nun dem Primärharn wieder 90 Prozent seines Wassers, denn nur ein bis zwei Liter Urin gelangen zur Ausscheidung. Der Harn wird in den Nierenkelchen aufgefangen und im Nierenbecken gesammelt. Zwei circa 25 Zentimeter lange Harnleiterschläuche transportieren den Urin mit peristaltischen Muskelbewegungen in die Harnblase.
Jeder Mensch beherrscht spätestens zum Kindergartenalter den ringförmigen Schließmuskel der Harnblase. Das muskuläre Hohlsäckchen der Blase kann bis zu einem Liter Urin aufnehmen.

Warum Frauen ihre Blase viel öfter entleeren als Männer, ist noch eines der ungelösten Rätsel der Anatomie. Die weibliche Harnröhre ist vier Zentimeter lang, die männliche etwa zwanzig. Der Urin selbst hat aber bei beiden Geschlechtern die gleichen Bestandteile. Wasser, Farbstoff und Stoffwechselabfallprodukte wie Harnstoff und Harnsäure, Ammoniak und Salze. Das wirkt auf jeden Fall desinfizierend. Manche Menschen trinken sogar diesen goldgelben Saft und behaupten, es sei eine Gesundheitskur.

Die Nieren sind Ausscheidungsorgane und sorgen für gleichmäßige Verteilung von Wasser und Salzen, überwachen den Blutdruck und kümmern sich um das Gleichgewicht zwischen den Säuren und Basen. Wie kleine Häubchen sitzen auf den beiden Nieren noch zwei Kappen, die Nebennieren. Hormonell arbeitende lebenswichtige Organe, die unter anderem die bekannten Körperwirkstoffe Cortison und Adrenalin herstellen. Cortison wirkt antiallergisch und entzündungshemmend, Adrenalin hilft uns, eine Prüfung zu bestehen, einen Säbelzahntiger zu verjagen oder ein Kind aus einem brennenden Haus zu retten.

Die Nebennieren gehören zum Steuerungssystem des Körpers. Hier wird der Mineralhaushalt bewacht, der Kohlenhydrat- und Zuckerstoffwechsel genau beaufsichtigt, die Sexual- und Wachstumsentwicklung eingeleitet und ein Teil des Nervensystems kontrolliert. Die beiden Nebennieren wandern bei einer Wanderniere natürlich mit.