Appartement 102 - OMARSKA
Ein Zeitzeugnis

Jadranka Cigelj,
IGFM, Deutsche Sektion e.V. (Hrsg.)


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Kart., 3. Aufl., 234 S.;
Printausgabe 9783938580110;

€ 16,90 (D)

eBook PDF

9783938580363; € 7,90

 

Vergewaltigung als Waffe im Krieg!

Jadranka Cigelj, bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, wurde am 14. Juni 1992 zwei Monate im Konzentrationslager Omarska eingekerkert, dem berüchtigten von Serben errichteten Lager im bosnischen Krieg. Der Raum im KZ Omarska, in dem sie mit siebzehn weiteren Frauen gefangen gehalten und gefoltert wurde, war „Appartement 102“.


 
   

Schonungslos offen schildert sie das tägliche Überleben in einer entmenschlichten Wirklichkeit, in der Folter, Vergewaltigung und das Töten mit Messern und Fäusten zum Alltag gehörten, ausgeführt von Menschen, die sie bis dahin als Nachbarn, Kollegen und Freunde kannte. Ungefähr 3000 Männer, meist bosnische Muslime, wurden in Omarska ermordet, dessen Kommandant, Željko Mejakić, wegen Kriegsverbrechen vor dem Tribunal in Den Haag angeklagt ist. Frau Cigelj war eine von 37 gefangenen Frauen in Omarska, fünf von ihnen wurden getötet. Sie lebt heute in Zagreb und ist Zeugin der Anklage in diesem Prozess.


... Als ich zu mir kam, hörte ich das Geräusch seiner Soldatenstiefel und ich spürte, wie sich Schmerzen und Ohnmacht alles nahmen, was von meinem früheren Leben noch übrig war. Ich weiß weder, wann noch wie ich in den Frauenschlafraum zurückkehrte. Keine fragte etwas. Im Zimmer war es still und dunkel. Ich legte mich in die Ecke neben Mugbila. Mein ganzer Körper war gefüllt mit Schmerz und unsagbarer Erniedrigung. Meine Lippen, zerbissen von einem Fremden, brannten, als Tränen über sie flossen.

Ich spürte die sanfte Berührung von Mugbilas Hand. Sie umarmte mich stumm und streichelte die Tränen, die immer stärker flossen. Ihre stumme zärtliche Berührung sagte mir, dass sie verstand, und ich war der Stille, die niemand störte, unendlich dankbar. In meinem Unterleib war eine klebrige Hitze. Ich zwang meine Hand an die Quelle dieser klebrigen warmen Feuchtigkeit und erstarrte. Ich blutete.

Suchend streckte ich meine Hand in der Dunkelheit nach meiner Tasche, zog die Papiertaschentücher heraus und ertastete eine kleine Glasflasche. Parfüm. Ein hysterischer Weinanfall brach aus mir heraus, während Mugbilas Hände versuchten, meinen Mund zu schließen. Mugbila und ein Parfümfläschchen waren in dieser Nacht die stummen Zeugen für das Ende meines bisherigen Lebens...

... Mein Blick glitt vom Blumenständer in den Raum. Drei Schreibtische, auf ihnen Tischkalender, aufgeschlagen am 29. April 1992. Die Schubladen hoben sich eigenartig von den glänzenden Tischplatten ab. Geöffnet in Wut hingen sie wie hämisch herunter. Hinter den Tischen, genau neben mir, stand ein Schrank mit zwei Türen. Darauf waren Postkarten aus verschiedenen Orten geklebt, wie stumme Zeugen aus einem anderen Leben. Dem Leben vor dem 29. April.

Merkwürdige fettige braune Flecken auf dem Schrank zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Nach der Herkunft dieser Flecken suchend, die im Sonnenschein wie kleine Inseln glänzten, streifte mein Blick über den Boden.

Auch hier waren Flecken dicht gesät, aber nicht braun, sondern dunkelrot. In diesem Augenblick wusste ich: Das war getrocknetes Blut. Die Flecken verschwanden unter den Matten, auf denen Mugbila, Edna und ich schliefen. Ich fragte mich, was mit den Menschen passiert ist, die vor mir hier waren? Als man mich gestern mit Branka und Edna hierher brachte, waren noch drei Männer mit uns. Wo waren sie? Ich schloss meine Augen. Nur das Ungewisse war gewiss.